In Frankfurt gab es den Henninger Turm sogar zweimal: den alten von 1961, der später abgerissen wurde, und den heutigen Neubau von 2017. Besonders berühmt war der alte Turm wegen seines fassförmigen Obergeschosses mit Drehrestaurant. Dort oben saß man an einem Tisch, der langsam mitsamt allen Möbeln im Kreis fuhr – alle halbe Stunde hatte man einen vollständigen Rundblick über Frankfurt und das Umland genossen und man kam wieder dort an, wo man gestartet war.
In den 70ern war ich mit Freunden dort und genoss die Aussicht und das sanfte Drehen. Doch irgendwann kam mir eine verrückte Idee: Ich kritzelte meine Telefonnummer und den Satz „Ich würde Dich gerne kennenlernen“ auf einen Bierdeckel und stellte ihn ans Fenster. Während unser Tisch weiterzog, blieb der Bierdeckel zurück – wie ein kleiner Flaschenpostversuch auf einer rotierenden Insel. Nach einer halben Stunde kamen wir wieder an derselben Stelle vorbei – nur der Bierdeckel war verschwunden.
Natürlich ließ mir das keine Ruhe. Also stand ich auf, angeblich um zur Toilette zu gehen, und drehte eine Runde durchs Restaurant. Es war gut besucht, überall Menschen, überall mögliche Finder. Doch wer genau den Bierdeckel an sich genommen hatte, blieb ein Rätsel. Am Ende fuhren wir unverrichteter Dinge nach Hause.
Einige Tage später klingelte tatsächlich das Telefon. Ein Mann meldete sich, bezog sich auf den Bierdeckel – und klang deutlich enttäuscht. Er hatte ihn in der Hoffnung auf eine reizvolle Damenbekanntschaft mitgenommen. Nach kurzem, stockendem Smalltalk verabschiedeten wir uns wieder.
Tja, so ging der Bierdeckel-Versuch zwar schief – aber die Erinnerung daran dreht sich bis heute noch im Kreis.
Die Geschichte wurde von Michael Deschamps erlebt und aufgeschrieben.
Foto vom Henninger Turm erstellt durch Heidas (lizenziert unter CC BY-SA 3.0)

