Kopf eines Jünglings oder Weißer Kopf oder Theresienkopf

Draußen auf der Lichtwiese in Darmstadt hat er lange gestanden, der Kopf des Jünglings. Es war so um das Jahr 1984 herum.

Er war ein Projekt von Harald Männle (Architekturbüro Männle) aus Bessungen.  Es war riesiger Kopf aus Styropor „gemeißelt“.

Aus der Ferne war er schon schön und beeindruckend und wenn man sich ihm näherte, wurde er immer größer und mächtiger. Ich erinnere mich, sein Nase war fast so groß wie ich.  Die Gesamthöhe schätze ich auf mehr wie 4 Meter. Der Größenvergleich mit dem Haus im Hintergrund lässt seine Dimensionen ahnen.

Leider hat der Zahn der Zeit an ihm genagt und irgendwann wurde er dann abgetragen und entsorgt.

Das Foto wurde von meinem Bruder Andreas Deschamps gemacht, der es mir für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat. Dankeschön!

Erzengel Michael in Darmstadt?

Ein Engel polarisiert eine Stadt.

„Erzengel Michael 2020“ ist eine temporäre Stahlinstallation auf dem großen und bisher leeren Friedensplatz in Darmstadt, der ebenfalls erst in 2020 der Öffentlichkeit zur Nutzung übergeben worden ist.

Eine Teil der Passanten hält die Skulptur des Stahlbildhauers Georg-Friedrich Wolf für eine unerlaubte Müllentsorgung, anderen erschließt sich der Sinn in keiner Weise, aber sie verkneifen sich ein zu frühes Statement, weiteren ist er eine wertvolle Inspiration und ein Mandala für Meditation und Seele und die letzte Gruppe ist die der Schrotthändler. Diese lecken sich gierig die Lippen und fragen sich, wann die 3,5 Tonnen des „Erzengel Michael 2020“ zur Entsorgung freigegeben werden werden.

Ich gebe zu, auch ich fühlte mich orientierungslos beim ersten Blick auf die Stahlmassen. Durch leidvolle Erfahrungen geprägt hüte ich mich aber inzwischen vor zu frühen Einschätzungen, da habe ich schon das eine oder andere Mal mein Vorurteil revidieren müssen. Wenn der Beton der Meinungsbildung einmal ausgehärtet ist, lässt er sich nur noch schwer entfernen.

Die erste Interpretationshilfe war für mich der Name. Wer ist der Erzengel Michael?

Nun ich heiße Michael und habe mich auch daher schon immer für die Herkunft meines Namens interessiert. „Wer ist wie Gott“ soll er dem Teufel hinterher gerufen haben, als er diesen im Kampf vertrieb und so eine Machtübernahme des Satans im Himmel verhindert haben soll. Er gilt auch als Wächter und verhindert das Betreten des Paradieses für Unbefugte oder Vertriebene wie Adam und Eva. Manche Religionen sehen ihn sogar als eine Art rechte Hand vom „Lieben Gott“.

Natürlich nützen reine Gebote und Verbote nichts, wenn es keine Executive mit einem entsprechenden Machtmonopol gibt. Deshalb hat der Erzengel in der Skulptur ein Schwert und damit man ihn auch als Engel erkennt, einen Flügel. Ein Flügel reicht zum Erkennen, es braucht auch kein Gesicht, wenn einem der Erzengel begegnet, weiß man sogleich, dass man es mit ihm zu tun hat. Mehr gibt es im oberen Teil der Skulptur nicht zu sehen, abgesehen vom mächtigen Laib, der die Sphären des Himmels mit den Niederungen der Welt verbindet.

Weiter unten in der Skulptur gibt es einen Kranz von Dingen, die wir problemlos als Teil unseres Lebens identifizieren können: Fahrräder, Schlüssel, Glocken, Streben, Rohre, Fassringe, Flaschen, Druckbehälter und sogar einen Kanaldeckel.

Selbst um unseren Planeten haben wir zwischenzeitlich einen Kranz von Abfall hinterlassen: Satelliten, Raketen und Treibstufen und wer weiß was noch alles. Diese Haut aus Abfall um unsere Mutter Erde ist schon so dicht, dass es hohen Planungsaufwand erfordert, wenn Astronauten unseren Planeten auf dem Weg ins All verlassen wollen, ohne mit diesem Abfall zu kollidieren.

Wenn der Erzengel von oben nach unten blickt, sieht er die Schöpfung nicht mehr vor lauter Unrat der Menschen. Schaut man von unten nach oben und hat mit seinem Blick den Ring von Abfall überwunden, sieht man den Himmel und davor den Erzengel mit seinem großen drohenden Schwert als Hüter des Himmels.

Für mich symbolisiert die Statue den Zustand unserer Erde und ist die dringliche Mahnung, mit der Schöpfung verantwortungsbewusst umzugehen. Deshalb finde ich sie wichtig und ein wichtiger Kontrapunkt zu der Schönheit des Karolinenplatzes.

Hier sieht man den Künstler bei einer Art „Zwischenbilanz der Emotionen“ auf dem Friedensplatz. Er  berichtet von der Fülle der Reaktionen und Emotionen. Bis heute habe noch keines seiner Werke eine solche starke Polarisierung der Meinungen hervorgerufen.

Es ist wichtig zu wissen, es handelt sich nur um eine temporäre Installation. Nach dem heutigen Stand (11.10.2020) wird der Erzengel Michael nur zwei Monate auf dem Friedensplatz residieren. Darmstadt muss sich schnell entscheiden, ob sie ihn ziehen lassen oder ob sie ihm eine dauerhafte Heimstatt bieten will.