Warum meine Oma zum Geburtstag immer nur Plastikblumen bekommen hat?


Kurz vor dem Geburtstag meiner Oma ist mein Großvater immer auf dem Speicher verschwunden und hat vom Dachspeicher eine große Tüte mit einem grellbunten Plastikblumenstrauß in die Wohnung gebracht. Dieser wurde dann ausgepackt, entstaubt, gerichtet und dann auf dem Geburtstagstisch meiner Großmutter arrangiert.

Nach etwa einer Woche wurde der Geburtstagstisch wieder abgebaut, der Plastikblumenstrauß staubdicht verpackt und für den nächsten Geburtstag auf dem Speicher deponiert. So ging das viele Jahre. Als Kind fand ich die Idee mit den Plastikblumen, die niemals verwelken,  einfach praktisch.

Mein Großvater entstammt einer sehr alten Metzgersfamilie, die eine gutgehende Metzgerei in Darmstadt  in der Gervinusstrasse 54 hatte, die die ganze Familie gut versorgt hat.


Die Metzgerei befand sich in einem großen Mehrfamilienhaus, welches auch schon viele Generationen im Familienbesitz war. Das Haus und die Metzgerei waren die Daseins- und Altersvorsorge der Familie und  es wurde immer auf die nächste Generation übertragen. Die Söhne haben immer Metzger und die Töchter immer Metzgereifachverkäuferin gelernt. Auch die Ehefrauen und Ehemänner der Kinder waren meistens aus diesen Handwerken.

Im Krieg wurde die Idylle jäh zerstört, in der Brandnacht am 11.9.1944 traf eine Bombe das Haus und zerstörte das Haus und die Metzgerei vollständig.

Getötet wurde aus unserer Familie niemand,  meine Mutter Gertrud Deschamps beschreibt in ihren Lebenserinnerungen „Licht und Schatten“, die sie für uns vier Kinder aufgeschrieben hat, die Geschehnisse wie folgt:

Am 11. September 1944 ereilte uns der schwerste Schicksalsschlag.
In der Nacht um 23.30 Uhr gab es wieder einmal Fliegeralarm. Mit der Zeit waren wir gegen die häufigen Alarme gleichgültig geworden und blieben etwas länger im Bett liegen. 5 Minuten nach dem Hauptalarm folgte ein Luftangriff auf Darmstadt, und es fielen die ersten Bomben. So schnell war ich noch nie im Luftschutzkeller unseres Hauses. Ich war im Nachthemd und hatte nur Hausschuhe an, in denen ich fast nicht laufen konnte. Jeder Bürger besaß eine Luftschutztasche, in der eine Gasmaske und ein Tuch waren, das man im Notfall nass machen sollte bei starker Rauchentwicklung. An diese Tasche band ich meine orthopädischen Schuhe. Die ganze Hausgemeinschaft saß im Keller, wir hatten alle eine wahnsinnige Angst. Minen, Sprengbomben und Phosphorbomben schlugen in unmittelbarer Nähe unseres Hauses ein. Mein Vater ging während einer Pause der Bombardierung nach oben in unsere Wohnung. Mein Zimmer und der Dachstuhl des Hauses brannten! Er versuchte zu löschen, was aber völlig sinnlos war.
Da wurde von unserem Nachbarhaus  der Kellerdurchbruch eingeschlagen. Die Leute von dem Straßenzug in der Roßdörferstrasse konnten alle nicht mehr aus ihren Häusern heraus, sie versuchten es jetzt bei uns. Unser Kelleraufgang war zum Glück noch frei. Bei uns brannte es „nur“. Auf die anderen Häuser waren Minen gefallen. Plötzlich kam ein Luftschutzwart in unseren Keller, er befahl, dass wir alle das Haus verlassen müssten, sonst würden wir verbrennen. Als wir in unserm Hof standen, sahen wir das Inferno. Der Angriff, der nur etwa 20 Minuten dauerte, hatte unsere Heimat und unser gesamtes Hab und Gut vernichtet. Die Nachbarn in der Gervinusstraße sind alle durch Minen getötet worden, was wir später erfahren haben.
Nun hatte ich ja keine Schuhe an um laufen zu können. Herr Schiller, der ein Lebensmittelladen uns gegenüber hatte, nahm mich auf seinen Rücken und trug mich durch ein Meer von Flammen zum Woogsdamm. Wir hatten nasse Decken umgehängt, die uns etwas Schutz vor dem Flammensturm gaben. Diesem Mann habe ich mein Leben zu verdanken. Auf dem Weg zum Woog, der etwa 800 Meter entfernt war, erlitt ich Brandwunden und Hautverletzungen von Phosphor.
Und nochmals hat mir Gott mein Leben gerettet. Herr Schiller legte mich am Woogsdamm auf den Boden um sich auszuruhen. Dort standen große Bäume die durch den Feuersturm hin und her wankten. Ich bekam Angst und stand auf, nachdem ich meine Schuhe angezogen hatte. Ich war noch keine 2 Meter von dem Platz entfernt, da stürzte der Baum um, genau auf die Stelle an der ich gelegen hatte.
Es war mir noch nicht bestimmt zu sterben.
Nun ging unsere ganze Hausgemeinschaft am Woogsdamm entlang an dem keine Häuser standen, zu unserem Kleingarten am Rossdörferwald. Wir besaßen dort ein Gartenhaus  und waren wenigstens für diese Nacht in relativer Sicherheit.
Am anderen Morgen beratschlagten wir was wir tun könnten. In die brennende Stadt konnten wir nicht. Meine Mutter beschloss spontan alle Leute mit nach Michelstadt zu ihren Eltern zu nehmen. Wir waren etwa 12 Menschen. Wir gingen zum Ostbahnhof um zu hören, ob Züge in den Odenwald fahren würden. Der ganze Bahnhof war voll von übernächtigten und verzweifelten Menschen. Die Bahn setzte Sonderzüge ein, und wir konnten ohne Geld hinfahren, dort wo wir Hilfe erwarten konnten.

Soweit die Erinnerungen meiner Mutter.

Nach dem Krieg gab es im zerstörten Darmstadt einige clevere Menschen, die umherzogen und den verzweifelten Kriegsopfern für einen „Appel und ein Ei“ die Trümmer-Grundstücke abkauften. Auch meine Großeltern hatten nicht die Mittel und wohl auch nicht mehr die Kraft, einen Wiederaufbau der Metzgerei und des Hauses zu stemmen, so verkauften sie das Grundstück für wenig Geld.

Mein Großeltern eröffneten in Michelstadt eine gepachtete Metzgerei, da sie ihren Lebensunterhalt bestreiten mussten.  Als sie im Alter  die schwere Arbeit nicht mehr leisten konnten, zogen sie in eine Mietswohnung in die Darmstädter Gutenbergstrasse.

Sie hatten kaum eigene Rentenansprüche, da sie als selbständige Handwerker nicht ausreichend eingezahlt haben und wohl auch dachten, „wir haben ja das Haus und die Metzgerei“.

So mussten meine Großeltern bis kurz vor ihrem Tod kurz vor dem 80. Lebensjahr noch arbeiten gehen, meine Großmutter als angestellte Fischverkäuferin und mein Großvater als Nachportier in einem großen Warenhaus in Darmstadt.

Das Geld war sehr knapp und mein Großvater hat es immer sehr getroffen, wenn ich als Kind geplappert habe, mein Opa ist Nachtwächter.  Dem alten stolzen Handwerksmeister hat sein Schicksal sehr weh getan und er konnte sich damit nie so recht arrangieren.

Diese Kriegswirkungen wirken bis heute und auch in der Zukunft nach. Wie wäre mein Leben oder das Leben meiner Tochter ohne diese Schicksalsschläge verlaufen? Ich hätte wahrscheinlich auch Metzger gelernt und wäre berühmt für meine gute Leberwurst. Und natürlich, meine Oma hätte richtige Blumen zum Geburtstag bekommen.

Diese wahre Geschichte schreibe ich auch auf im Gedenken an die Menschen im derzeitigen Krieg in der Ukraine, deren bisheriges Leben durch die Kriegswirkungen zerstört sein wird. Der Krieg wirkt auf viele Generation weiter und der Schaden kann nicht nur an den getöteten oder verletzten Menschen und am Wert der zerstörten Sachen bemessen werden.  Auch bei Menschen die ihr Leben und ihre Gesundheit haben retten können, wird das Leben nie mehr so sein wie vor dem Krieg. Daher brauchen sie unser Mitgefühl, unsere Hilfe und unsere Solidarität.

Die Fotos stammen aus dem Fotoalbum meiner Großeltern und von mir, der Text stammt in Auszügen aus den Lebenserinnerungen „Licht und Schatten“ meiner Mutter Gertrud Deschamps und ebenfalls von mir.

Wer noch etwas von meinem Großvater erfahren will, wird hier fündig werden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.