Was haben Murmeln mit Marktwirtschaft zu tun?

In  meiner Kindheit begann der Jahreskreis des draußen Spielens immer mit dem Murmelspiel oder -wie wir als Darmstädter sagen- mit dem Klickern. Klicker sind verschieden große Glaskugeln, die oft mit farbigen Einschlüssen in der Kugel wunderschön anzusehen sind.

Es gab „Einer“ (ca. 1 cm Durchmesser), größere waren “ Zweier“, „Fünfer“ oder „Zehner“. Es wurde mit der Hacke des Fusses eine Mulde in den Boden gedreht, die Umgebung der Mulde fest getreten und von Hindernissen befreit. In zwei, drei Meter Entfernung wurde ein Strich gezogen, von dem aus die Spieler ihre Murmeln warfen.

Ziel war es seine Kugeln in der Mulde zu platzieren. Die Reihenfolge des weiteren Spiels wurde durch die die Platzierung der eigenen Murmeln in der Mulde oder in der größten Nähe zur Mulde bestimmt.   Nicht in der Mulde platzierte Murmel wurden dann durch Finger schnippen der Kugel in die Mulde oder in der Nähe der Mulde platziert. Man war solange dran, bis man keine Kugel mehr in die Mulde platziert hat. Wer die letzte Kugel versenkt hat, dem gehörte der gesamte Spieleinsatz.

Damals gab es -jedenfalls bei uns in der Wenckstraße- ganz viele kinderreiche Familien. Es waren zwei Haushälften mit jeweils 6 Wohnungen und da gab es keine Familie, die nicht mindestens drei Kinder in ähnlichem Alter hatten. Wenn man mit anderen Kindern spielen wollte, ging man einfach in den Hinterhof, da waren immer genug Kinder, ohne dass man sich verabreden musste.

Nun hatten wir Kinder ja kein Geld oder nur wenig Geld. Daher waren auch zumindest bei mir die Murmeln im Frühjahr rar. Da gab es dann andere Kinder, die einem großzügig ein paar Murmeln geschenkt oder geliehen haben, damit ein Spiel überhaupt möglich wurde. Manche Kinder bekamen auch den ersten Grundstock von ihren Eltern oder hatten noch Bestände vom Vorjahr.

Selbstverständlich gab es gute und sehr gute Spieler, und die haben den schlechteren Spielern nach und nach alle Murmeln im Spiel abgenommen.

Die Superspieler hatten große leere Milupa Milchpulverdosen, die nach ein paar Wochen bis zum Rand mit Murmeln gefüllt waren. Die konnte man kaum tragen, so schwer waren die gefüllten Dosen. Die Superspieler waren hoch angesehen in der Welt unseres Hinterhofes, ließen sie doch ab und zu bei Wohlverhalten mal eine oder mehrere Murmeln springen.

Wenn man die Murmelkapitalisten manchmal um einen Murmelkredit anging, da man ja seine Murmeln nur zuhause „vergessen“ hatte, bekam man oft eine Ablehnung und den Spruch „Zuhause hawe alle Bube Klicker“.

Die „Marktwirtschaft“ im Hinterhof verebbte dann nach und nach, da auf dem freien Markt keine Murmeln mehr vorhanden waren und sich das Kapital in der Hand einiger weniger Murmelkapitalisten vereinte. Damit schrumpfte natürlich auch die Macht der Murmelkapitalisten, weil ihre Währung nicht mehr im Umlauf war.

Ein Superspieler genoss es daher, mehrmals in einem Frühjahr bis auf einen kleinen Starteinsatz alle seiner Murmeln im Hinterhof auszuwerfen und sich daran zu freuen, dass wir im Sand nach den Murmeln sprangen und krochen, da die Murmel die einzige verfügbare Währung für uns Kinder war. Nach einigen Tagen intensiven Spiels waren dann wieder alle Murmeln in seiner Milupadose und die Verknappung des Kapitals begann erneut.

Irgendwann im Frühsommer war dann der Boom plötzlich vorbei, und wir spielten andere Sache, so zum Beispiel „Völkerball“, Gummitwist oder Hüpfspiele wie „Himmel und Hölle“ oder wir fuhren Roller oder Fahrrad.

Die Klicker verschwanden dann im Keller oder im Kinderzimmer und warteten auf ihre Renaissance im nächsten Frühjahr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.